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Weihnachten in der Patchworkfamilie

 
 

Weihnachten steht vor der Tür. Sind Sie Teil einer Patchworkfamilie, stehen Sie möglicherweise vor echten Herausforderungen. Jeder Elternteil möchte die eigenen Kinder möglichst um sich haben. Dass dabei Konflikte entstehen, liegt auf der Hand. Vielleicht sind Ihnen eine Reihe von Gegebenheiten nicht so richtig bewusst. Dann profitieren Sie sicherlich von Erfahrungen, die andere Patchworker bereits gemacht haben. Wenn Sie sich damit auf Weihnachten besser vorbereiten können, hat dieser Beitrag seinen Zweck erfüllt.https://www.ehe.de/

Ist die Patchworkfamilie eine Erfindung unserer Zeit?

Patchworkfamilien gibt es eigentlich seit jeher. Sie entstehen, wenn ein Elternteil nicht der leibliche Elternteil eines Kindes ist. Bis ins letzte Jahrhundert hinein war der Tod eines Elternteils meist Grund, dass der hinterbliebene Partner neu heiratete und eine Stieffamilie gründete. „Stief“ ist germanisch und bedeutet so viel wie „hinterblieben“. Die Kinder sollten nach dem Verlust eines Elternteils sozial und wirtschaftlich mit einer erneuten Heirat abgesichert werden. Patchworkfamilie heißt die Familie deshalb, weil die Herkunft der Familienmitglieder genauso unterschiedlich ist wie bei einem Flickenteppich (englisch“ patch“ = Flicken, Flickwerk).

Heute leben nach Schätzungen des Statistischen Bundesamtes in etwa der Hälfte der Ehen, die geschieden werden, minderjährige Kinder. Etwa jedes siebte Kind soll nach der Trennung der Eltern in einer neuen Partnerschaft eines Elternteils mit Halb- oder Stiefgeschwistern aufwachsen. Die Dunkelziffer dürfte aber noch weitaus höher sein. Ernüchternd ist der Umstand, dass die Hälfte dieser Kinder das 18. Lebensjahr in derselben Familie nicht erlebt.

Auch wenn Trennung und Scheidung heute gesellschaftlich akzeptiert sind, stellt die Trennung der Eltern für Kinder oft eine Tragödie dar. Sie fühlen sich verloren, sind eifersüchtig und wissen nicht mehr richtig, wo sie im Leben ihren Platz haben. Auch wenn das Grundgesetz die Familie unter besonderen Schutz des Staates stellt, fühlt sich die Politik nicht verantwortlich, wenn Ehen scheitern. Es gibt wenig Unterstützung, Trennungskinder aufzufangen und den Einstieg in eine Patchworkfamilie zu erleichtern.

Trotz aller Schwierigkeiten erscheinen Patchworkfamilien als eine Investition. Studien gehen davon aus, dass Kinder in Patchworkfamilien große soziale Kompetenzen erwerben. Sie werden wohl oder übel angehalten, frühzeitig selbstständig zu werden, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen und scheinen gerade aufgrund dieser Kompetenzen auch später überaus beruflich erfolgreich zu sein.

Warum ist gerade Weihnachten eine Herausforderung?

Finden Sie nach Ihrer Scheidung einen neuen Partner, ist das Bedürfnis nach einer „heilen“ Welt wahrscheinlich sehr groß. Steht dann noch Weihnachten ins Haus, steigert sich dieses Bedürfnis zusätzlich.

Lebt eines Ihrer Kinder beim anderen Elternteil, besteht vielleicht der Wunsch, dass das Kind am besten den Heiligen Abend im Kreis Ihrer neuen Familie verbringt. Dann müssen Sie sich mit dem anderen Elternteil irgendwie verständigen, dass dieser das Kind „freigibt“. Da dieser Elternteil dann vielleicht alleine zu Hause sitzt, werden Sie Zugeständnisse nur erreichen, wenn Sie zugestehen, dass das Kind die nächsten Weihnachten bei diesem Elternteil verbringen darf. Alternativ könnten Sie auch die Weihnachtsfeiertage mit dem Kind untereinander aufteilen. Es sollte selbstverständlich sein, dass Ihr Kind dabei ein Wort mitzureden hat. Eine „Zuteilung“ gegen den Willen des Kindes dürfte keine Lösung darstellen.

Eine andere Herausforderung dürfte darin bestehen, dass Sie anfangs innerhalb Ihrer Patchworkfamilie eine heile Welt aufbauen müssen. Sie müssen die Aufgabe bewältigen, emotionale Vorbehalte, Eifersüchteleien und sonstige Unstimmigkeiten unter einen Hut zu bringen. Einfach ist das nicht. Es wird nur gelingen, wenn Sie diese Herausforderung strategisch betrachten und vorher überlegen, mit welchem Engagement und mit welchen Erwartungen Sie die Herausforderung angehen. Haben Sie diese Bewährungsprobe an Weihnachten einmal bestanden, sollten die nächsten Weihnachtsfeste Routine für Sie werden.

In welchem Rahmen bewegen Sie sich eigentlich?

Alles, was Sie in Ihrer neuen Beziehung tun, sollte sich in einem Rahmen bewegen, über den Sie sich bewusst sein sollten. Sie müssen Ihre Rolle definieren. Dies fängt bereits damit an, wie Sie Ihre Kinder in Ihre neue Beziehung einbezogen haben. War es Ihnen nicht schnell genug gegangen, mit Ihrem neuen Partner zusammenzuziehen und haben Sie Ihre Kinder dabei „übersehen“, kann es sein, dass Ihre Kinder enorme Vorbehalte gegen den neuen Partner hegen. Sie empfinden den neuen Partner als Eindringling, den es zu kritisieren, zu überwachen und vielleicht sogar zu vertreiben gilt. Oft fällt das böse Wort, der neue Partner habe sich „eingenistet“. Dann führen Sie möglicherweise ein Leben, das von täglichen Zerreißproben, beißender Eifersucht, fehlender Anerkennung und dem Gefühl, die Kontrolle über Ihr Leben verloren zu haben, bestimmt ist.

Wenn es Ihnen nicht gelungen sein sollte, Ihre neue Partnerschaft unter Einbeziehung Ihrer Kinder aufzubauen und / oder die Kinder Ihres Partners einzubeziehen, sollten Sie Konflikte konstruktiv austragen und die Perspektiven der Kinder im Blick haben. Verstehen Sie Ihre Beziehung innerhalb der Patchworkfamilie als einen ständigen Austausch von Gefühlen, Ängsten und Wünschen. Auch wenn es schwerfällt, sollten Sie stets das Gespräch suchen. Konflikte lösen sich nämlich nicht einfach so in Luft auf. Sie müssen aktiv angegangen werden.

Definieren Sie Ihre Beziehung in der Patchworkfamilie. Erklären Sie Ihren Kindern, dass Sie sie genauso lieben, auch wenn ein neuer Partner in Ihr Leben getreten ist. Dieser neue Partner soll den anderen Elternteil nicht ersetzen. Vater bleibt immer Vater und Mutter bleibt immer Mutter. Der neue Partner kann aber ein guter Freund sein, der Ansprechpartner für Sorgen und Ängste ist. Lassen Sie sich Zeit. Gefühle lassen sich nicht erzwingen. Arbeiten Sie mit großer Geduld daran, die Beziehungen untereinander aufzubauen.

Wie schaffe ich Gemeinsamkeiten?

Das Zusammenleben in der neuen Familie beschränkt sich nicht auf die Weihnachtszeit. Entscheidend ist, dass Sie alle Beteiligten in die neue Familie integrieren. Wissenschaftler behaupten, dass Familie dadurch entsteht, dass die Familienmitglieder ihren Alltag miteinander teilen, indem sie beispielsweise am Frühstückstisch oder zum Mittag- oder Abendessen zusammensitzen oder gemeinsam etwas erleben, indem sie beispielsweise zusammen ins Kino gehen oder vielleicht auch gemeinsam in Urlaub fahren. Entscheidend kommt es darauf an, dass eine familiäre Identität entsteht und jeder das Gefühl hat, er sei in der neuen Familie angekommen. Insoweit gehen Wissenschaftler sogar davon aus, dass geschwisterliche Nähe nicht zwangsläufig durch genetische Verwandtschaft entstehe, sondern vor allem durch Erfahrungen, die man gemeinsam miteinander teilt.

Wie überstehe ich Weihnachten?

Trotz alledem wird Weihnachten eine Herausforderung bleiben. Ihre Kinder werden vielleicht mit Wehmut an die Zeit zurückdenken, die sie in der ehemals intakten Familie zusammen mit Vater und Mutter verbracht haben. Einer dieser Elternteile fehlt jetzt. Erwarten Sie also nicht, dass Ihr Kind einfach darüber hinweg sieht. Auch das größte und schönste Geschenk kann Wehmut nicht völlig überdecken. Ein Ausweg kann darin bestehen, dass Sie dem Kind die Gelegenheit zugestehen, die Weihnachtsfeiertage mit beiden Elternteilen verbringen zu dürfen. Sie müssen nur den Weg finden, die Feiertage so aufzuteilen, dass jeder irgendwie zufrieden ist.

Versuchen Sie nicht, es allen irgendwie recht machen zu wollen. Sie werden garantiert scheitern. Gerade als Mann sollten Sie nicht in eine „Kümmerer-Rolle“ verfallen und sich für alles verantwortlich fühlen. - Als Frau sollten Sie nicht passiv bleiben und Konflikte nicht verdrängen.

Fazit

Als Patchworker stehen Sie vor der Aufgabe, alle „Flicken zu einem Teppich“ zusammenzuführen. Hierfür gibt es keine allgemeingültigen Anleitungen. Sie selbst sind verantwortlich, dass Ihre neue Beziehung ein Erfolgsmodell wird. Es wird nur gelingen, wenn Sie alle Beteiligten einbeziehen, die unterschiedlichen und teils gegensätzlichen Interessen irgendwie in Einklang bringen und nie die Kraft und den Mut verlieren, es ständig wieder neu zu versuchen.

In diesem Sinne: Frohe Weihnachten!