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Was ist unter den Beziehungskonzepten Polygamie und Polyamorie zu verstehen?

 
 

Eheliche und eheähnliche Beziehungen haben viele Gesichter. Jede Beziehung ist individuell. Dass wir vorwiegend mit nur einem Partner oder einer Partnerin monogam zusammenleben, ist nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit. So gibt es etwa auch Polygamie und Polyamorie. Dadurch entstehen ganz unterschiedlich strukturierte Beziehungen und Familien.

Was ist Polyamorie?

Polyamorie bezeichnet eine offene Beziehung. Der polyamore Partner liebt nicht nur einen Partner oder eine Partnerin, sondern mehrere gleichzeitig. Charakteristisch dabei ist, dass er oder sie dieses mehrseitige Beziehungsverhältnis auch offen gegenüber allen Partnern kommuniziert. Es gibt also eine klare Absprache untereinander und die Partner sind beide damit einverstanden, eine polyamore Beziehung zu führen. Da der Begriff den Wortbestandteil „amor“ beinhaltet, wird verdeutlicht, dass es dabei jeweils um eine Liebesbeziehung geht.

Polyamorie grenzt sich dadurch von anderen Formen der freien Liebe ab, die beispielsweise in den 68-er Jahren und in der Flower-Power Bewegung als Idealbild menschlicher Beziehung heraufbeschworen wurde. Freie Liebe war eine zeitlich eher beschränkte Form der Beziehung, in der die Leidenschaft und der Augenblick des Erlebens im Mittelpunkt standen. Polyamorie hingegen ist eine tiefergehende Beziehung.

Interessant zu wissen

Es wird geschätzt, dass allenfalls fünf Prozent der Säugetiere mit nur einem Partner zusammenleben. Viele führen, soweit sie keine Einzelgänger sind, ein polygames Liebesleben. Eine Ausnahme bilden insbesondere die Pinguine. Pinguine haben nur eine Partnerin bzw. Partner und bleiben normalerweise ein Leben lang zusammen.

Herausforderungen in polyamoren Beziehungen

Polyamore Beziehungen erfordern besonders viel Verständnis, Vertrauen und eine offene Kommunikation. Diese Faktoren sind natürlich auch für monogame Beziehungen entscheidend, sind bei Polyamorie jedoch noch stärker gefordert. So müssen die Partner klare Absprachen treffen, diese einhalten und mögliche Eifersuchtsprobleme bewältigen. Statt einer Partnerin bzw. einem Partner müssen mehrere Partner versorgt und zufrieden gestellt werden. Wichtig ist vor allem, dass alle Beteiligten sich mit dieser Art von Beziehung wohlfühlen und mit der Situation umgehen können.

Wenn Sie langfristig polyamore Beziehungen führen, sollten Sie in Erwägung ziehen, wichtige Fragen zu klären und ggf. in einem Beziehungsvertrag festzuhalten. Wie bei einem Ehevertrag können Sie die Rahmenbedingungen Ihrer Beziehung hier einvernehmlich festlegen. Damit schaffen Sie Klarheit und Sicherheit. Denken Sie auch hier daran, den Vertrag regelmäßig zu überprüfen und ggf. an die aktuelle Situation anzupassen.

Was ist Polygamie?

Was Bigamie ist, dürfte allseits bekannt sein. Bigamie ist, wenn Sie verheiratet sind und trotz Ihrer bestehenden Ehe erneut eine Ehe schließen. Weil Sie zweimal verheiratet sind, führen Sie eine Doppelehe.

Polygamie geht über den Begriff der Bigamie hinaus und bezeichnet die Vielehe. Gemeint ist die gleichzeitige eheähnliche Beziehung mit mehr als einem Partner oder einer Partnerin. Der Begriff Polygamie lässt sich nochmals spezifizieren. So bezeichnet Polygynie die Beziehung eines Mannes zu mehreren Ehefrauen und die Polyandrie die Beziehung einer Frau zu mehreren Ehemännern.  Bei der Polygynandrie sind mehrere Männer und mehrere Frauen gleichzeitig miteinander verheiratet.

Ist Polygamie rechtlich erlaubt?

Im Mittelalter war es weit verbreitet, dass Männer mit mehreren Frauen verheiratet waren. Einer der Gründe war die gesellschaftlich begründete Abhängigkeit der Frauen. Kam der Ehepartner im Krieg ums Leben oder starb an der Pest, war es für die hinterbliebene Ehefrau von Vorteil, als finanzielle Absicherung erneut zu heiraten. Ein weiterer Grund war der gesellschaftliche Druck, den Stammbaum oder die Erbfolge fortzuführen. Konnte eine Frau keine Kinder bekommen, ging der Mann oftmals eine weitere Ehe ein.

Die Polygamie ist heutzutage vorwiegend im europäischen und westlichen Kulturkreis verboten. In Deutschland ist die Polygamie und damit auch die Bigamie nicht erlaubt. Führen Sie eine Bigamie, machen Sie sich nach § 172 Strafgesetzbuch strafbar und müssen mit einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe rechnen. Außerdem bestimmt § 1306 BGB ein Eheverbot, wenn Sie verheiratet sind oder in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft leben und erneut einen Partner oder eine Partnerin ehelichen. Die USA verbieten Polygamie seit 882, wobei dort bis heute verschiedene Gruppen weiterhin in polygamen Familienstrukturen leben.

In afrikanischen, arabischen und asiatischen Ländern sowie bei verschiedenen indigenen Gruppen sind polygame Ehen teilweise untersagt, teilweise weiterhin erlaubt. Das kann kulturell oder religiös bedingt sein. Auch in den USA gibt es polygame Ehen, etwa in einigen Gemeinschaften der Mormonen, die dem christlichen Glauben angehören. Im islamischen Glauben ist es Männern unter strengen Voraussetzungen erlaubt, bis zu vier Ehefrauen zu ehelichen. Dabei muss der Mann etwa in der Lage sein, diese angemessen zu versorgen.

Herausforderungen in polygamen Ehen

Das Modell der Polygamie, sofern es in dem jeweiligen Land erlaubt ist, sollte nicht missbräuchlich ausgenutzt werden. Auch hier ist es eine große Herausforderung diese komplexe Familienstruktur zu navigieren und auf die Bedürfnisse aller Familienmitglieder einzugehen. Alle Herausforderungen der monogamen Ehe, liegen hier gleich mehrfach und möglicherweise miteinander verwoben vor. Auch eine oder mehrere Scheidungen können sehr belastend und zeit- sowie kostenintensiv sein. Schließlich müssen Unterhalt, Zugewinnausgleich und Sorgerecht sowie Kindesunterhalt geklärt werden.

Bei polygamen Ehen sind Eheverträge daher besonders wichtig. So können alle Familienmitglieder abgesichert werden und Klarheit geschaffen werden. Hierbei sollten Anpassungsklauseln und regelmäßige Überprüfung ebenfalls berücksichtigt werden.

Alles in allem

Weltweit leben die Menschen in ganz unterschiedlichen Beziehungs- und Familienformen. Wichtig ist vor allem, dass die Beziehung auf gegenseitiger Liebe und Respekt beruht. Kommunizieren Sie Ihre Wünsche und Bedürfnisse offen miteinander und informieren sich über die Möglichkeiten Ihrer individuellen Situation. Sie sollten die rechtlichen Regelungen und Beschränkungen, sowie die daraus resultierenden Rechte und Pflichten kennen.