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Wenn zwei Familien zu Patchwork-Familien werden, bedeutet das oft eine Herausforderung. (© Jose Vicente Cairon - Fotolia.com)

Familie zum selber bauen: Patchwork-Familien

 
 

Patchwork-Familie, Stieffamilie, Mischfamilie. Die Begriffe für das Phänomen sind vielseitig, aber immer geht es dabei um Familien, bei denen mindestens ein Elternteil ein Kind aus einer früheren Partnerschaft mitgebracht hat. Was nach Neuanfang klingt, bedeutet für die Beteiligten vor allem eine große Herausforderung. Aber auch eine Chance.

Der moderne Begriff Patchwork-Familie stammt von dem englischen Wort „Patchwork“, das man als „Flickwerk“ übersetzen kann. Die Patchwork-Familie ist also vergleichbar mit einer Decke, die aus vielen bunten Flicken zusammengesetzt ist. Und genau wie diese kann Sie wärmen, oder auch gehörig kratzen. Einer Statistik aus dem Familienreport 2010 des Bundesfamilienministeriums zufolge, sind 13,6% der Haushalte mit minderjährigen Kindern solche Familien und insgesamt etwa 10,9% der minderjährigen Kinder leben in Patchwork-Familien.

Diese – manchmal abenteuerlichen – Familienkonstellationen entstehen vor allem durch Scheidungen und Auflösungen von Lebenspartnerschaften (oder auch dem Tod des früheren Partners), wenn danach wieder eine neue Partnerschaft eingegangen wird. Die neuen „Verwandten“ der „mitgebrachten“ Kinder heißen dann Stiefmutter, Stiefvater oder Stiefgeschwister.

Ein Kessel buntes

Der neue Partner kann dabei entweder Single sein oder selbst Kopf einer Familie sein, die schon eine Scheidung hinter sich hat. In diesem Fall bringt er noch eigene Kinder mit in die neue Partnerschaft und wenn die beiden frisch Verliebten nun auch noch gemeinsame Kinder zeugen ist, das Chaos erst recht perfekt.

Grundsätzlich wird unterschieden zwischen Ein-, Zwei- oder Mehrkern-Familien.

Einkernfamilien sind traditionelle Familien bei denen Mutter, Vater und Kind in einem Haushalt leben. Aber auch solche, bei denen der Stiefelternteil die Lücke eines verstorbenen Elternteils füllt. Entscheidend ist, dass es für die Kinder nur einen familiären Bezugspunkt gibt.

Zweikernfamilien unterscheiden sich von der oben genannten Form dadurch, dass der Elternteil, der aus der alten Familie ausgeschieden ist, noch lebt und nur in Scheidung von seinem Ex-Partner lebt. In diesem Fall haben die Kinder zwei familiäre Bezugspunkte. Beispielsweise ihrer Mutter mit zusammen mit ihrem neuen Stiefvater (Stiefvaterfamilie) oder ihrer Stiefmutter (Stiefmutterfamilie) auf der einen Seite und ihren leiblichen Vater auf der anderen Seite.

Eine Mehrkernfamilie kann beispielsweise entstehen, wenn neben den Scheidungsparteien und ihren Partnern auch noch Pflegeeltern ins Spiel kommen. Wird das Kind nach der Scheidung zu einer Pflegefamilie gegeben, gibt es mit den Pflegeeltern ein drittes Bezugszentrum.

Störfaktor Stiefeltern

Im Märchen ist oft von der bösen Stiefmutter die Rede. Auch in der Realität ist die Stiefmutter oder der Stiefvater bei seinen Stiefkindern nicht unbedingt beliebt. Der neue Elternteil hat es ganz im Gegenteil meist sehr schwer die Akzeptanz seiner „neuen“ Kinder zu gewinnen. Und das auch dann, wenn er sich eigentlich vorbildlich verhält und alles tut, um die Liebe seiner Stiefkinder zu gewinnen. Dass die Stellung der Stiefeltern gegenüber den Kindern ihres Partners so schwierig ist, hat einfach mit ihrer Rolle als „Nachfolger“ des ursprünglichen Vaters oder der ursprünglichen Mutter zu tun. Und das aus zweierlei Gründen.

Zum einen bekommt der Stiefelternteil die Stiefkinder ja quasi als „Bonus“ für die Liebe seines neuen Partners. Gewünscht hatte er sich – anders als womöglich der biologische Vater oder die biologische Mutter – ja erst mal nicht die Kinder, sondern eine Beziehung mit deren Mutter oder Vater. Die Kinder sind – vereinfacht gesprochen – ein Nebenprodukt seiner neuen Liebe. Das Problem daran ist: Die Kinder wissen das in der Regel. Und auch wenn der „Neue“ mit der Zeit in seine Rolle reinwächst und die Kinder mehr und mehr liebt gewinnt, hat er einen harten Job vor sich, wenn er ihr Vertrauen gewinnen will.

Zum anderen kommt noch erschwerend hinzu, dass die Kinder oft noch ihre ursprünglichen Eltern wiederhaben wollen. Und zwar alle beide. Durch den neuen Elternteil merken sie aber, dass die „Zerstörung“ ihrer alten Familie endgültig ist. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Das macht wütend und führt oft genug zu Ablehnungen gegenüber dem Stiefelternteil sowieso zu Vorwürfen gegenüber der Mutter oder dem Vater, der den „Fremdkörper“ ins Haus geholt hat.

Der steinige Weg zur Familie

Doch nicht nur Stiefvater oder Stiefmutter haben es schwer. Die Beziehungen zwischen den einzelnen Familienmitgliedern in Patchwork-Familien sind oft kompliziert und konfliktreich. Und je unübersichtlicher eine Konstellation ist und je mehr Beteiligte es gibt, desto schwieriger ist es auch, sich über Fragen des Zusammenlebens und der Erziehung zu einigen. Immerhin haben die Kinder schon vorher Erziehungserfahrungen gemacht und möchten sich jetzt nicht an neue Regeln gewöhnen.

Gleichzeitig wollen alle – Eltern wie Kinder – im Grunde nur wieder eine heile Familie haben. Doch nicht jeder fühlt sich gleichermaßen der Familie zugehörig. Gerade Kindern tun sich schwer mit der Akzeptanz des neuen. Das betrifft neben neuen Elternteilen auch die neuen Geschwister, die vielleicht mit ins Haus gebracht werden. Neue Geschwister brechen ins Kinderzimmer ein, das soziale Gefüge zwischen den Kindern wird durcheinandergewirbelt und die Eifersucht auf die „Neuen“ wächst umso mehr, wenn die „Eingeborenen“ merken, dass ihr Elternteil seine Aufmerksamkeit auch „denen“ zukommen lässt. Wenn dann gemeinsame Kinder zur Welt kommen verschärft sich die Situation oft noch.

Zu guter Letzt kann auch der Umstand, dass die Kinder noch Kontakt zu einem anderen leiblichen Elternteil (Wochenendpapa) haben, kann die Beziehungen in Patchwork-Familien belasten. Zu all diesen Schwierigkeiten kommen die normalen Probleme, die in jeder Familie auftreten können. Nicht umsonst sind Patchwork-Familien besonders anfällig für Scheidungen.

Auch die rechtliche und soziale Situation ist für Patchwork-Familien auch nicht immer einfach. Eine rechtliche Verwandtschaft zwischen Stiefeltern und Stiefkindern besteht nämlich nicht. Die Stiefeltern sind mit dem Kind lediglich verschwägert, falls das „Stiefverhältnis“ durch eine Hochzeit oder durch eine Eingetragene Lebenspartnerschaft besiegelt wurde. Für Stiefgeschwister gilt nicht einmal das. Stiefkinder und Eltern sind darüber hinaus nicht erbberechtigt. Sie müssen für ein Erbe speziell im Testament erwähnt werden. Oder es muss eine Stiefkindadoption durchgeführt werden. Durch eine solche Adoption wird ein Verwandtschaftsverhältnis geschaffen, das Sorgerecht und das Umgangsrecht erleichtert und auch ausdrücklich eine eigene Bindung zu den Kindern erklärt. Sie sind nun eben nicht mehr nur Anhängsel des neuen Partners.

Insgesamt betrachtet wird in Patchwork-Familien von allen Beteiligten viel Flexibilität gefordert, aber eine solche Familie bietet auch die Chance viel zu lernen, vor allem, was das Zusammenleben und die Kompromissbereitschaft angeht. Und wenn man es schafft, die Puzzlestücke zu vereinen, kann man stolz auf seine neu geschaffene kleine große Familie blicken.

Wer auf diesem Weg Hilfe braucht, kann sich auch an Beratungsstellen wenden, wie z.B. http://www.patchworkfamilien.com/ wenden oder eine Eheberatung in Anspruch nehmen.

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