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Wenn die Kleinen plötzlich groß sind - Eltern allein zu Haus! (© Kzenon, Fotolia.com)

Empty-Nest-Syndrom - Zurück in die Zweisamkeit

 
 

Mutter, Vater, Kind. Dass diese Konstellation eine Familie ist, braucht man nicht groß zu erklären. Aber vor der Familie gab es schon etwas anderes. Für manche mag das schon sehr lang her sein: Das Leben zu zweit, als Paar in trauter Zweisamkeit, das kindlose Zeitalter.

Wenn der Nachwuchs dann aber seine Sachen packt und das elterliche Heim hinter sich lässt, stellen zwei Menschen plötzlich fest: „Jetzt sind wir wieder allein.“ Falsch. Allein kann man als Einzelner sein – aber man ist zu zweit. Jedoch stellt diese Rückgewöhnung eine Partnerschaft plötzlich vor neue Herausforderungen, denn sie birgt großes Krisenpotenzial. Was für eigene Interessen und Wünsche hatte man als Mann und Frau und nicht als Vater und Mutter? Wie hat sich die Partnerschaft während der Zeit als Eltern gewandelt? Kommen wir auch nun zu zweit und vor allem miteinander klar? Sind wir auch ohne die gemeinsame Aufgabe der Erziehung ein gutes Team?

Kinder verändern alles

Jahrelang musste man sich umstellen – den Kindern zuliebe. So hieß es Spielplätze statt Cafés, Elternabende statt Skatrunden und Taxi spielen statt Entspannung. Überhaupt ändert sich mit dem Elternwerden ja so einiges: Schlafen, Kochen, Aufräumen und alle anderen Dinge im alltäglichen Leben, ob nun optisch durch Spielsachen und allgemeine Unordnung, akustisch durch markante Kinderlieder und Geschrei oder auf der Ebene der eigenen Reife und Entwicklung. Alles verändert sich durch die Familiengründung. Und das ist ja meist auch etwas Schönes. Aber die Zeit vergeht. Sind die Kleinen nicht mehr ganz so klein, übernehmen sie zwar auch Aufgaben im Alltag, doch das kann einen auf die Härte eines leeren Kinderzimmers, auf die Wehmut beim kleiner gewordenen Großeinkauf und auf die plötzliche Ruhe im Haus nicht vorbereiten.

In der Phase der Kindheit geht es fast ausschließlich um die Kinder. Die ersten Schritte, die ersten Wörter, der erste Schultag, der erste Schwarm – all das waren immer Anfänge einer neuen Etappe im Leben des eigenen Kindes und auch in dem der Eltern. Den „ersten Auszug“ gibt es aber in diesem Sinne nicht, denn er ist ein einschneidendes Erlebnis, das aus elterlicher Sicht klar ein Ende symbolisiert. Für das flügge gewordene Kind ist es der Anfang in ein eigenständiges Leben und genau das sollte es für die Eltern auch sein: Der Anfang einer neuen Etappe.

Empty-Nest-Syndrom

Doch das gelingt nicht allen. Gerade Müttern fällt es sehr schwer, den Auszug nicht als endgültigen Verlust zu sehen. Natürlich darf es wehtun, schließlich hat man im Schnitt 21-24 Jahre mit den Kindern unter einem Dach gewohnt, hat viel Freude und viel Leid geteilt. Doch einige Eltern brechen in Anbetracht des leeren Kinderzimmers zusammen, erleiden Depressionen und versuchen ihre Einsamkeit mit Antidepressiva und Psychopharmaka zu bekämpfen – sie leiden dann an dem Empty-Nest-Syndrom.

Der Verlust der täglich aktiven Mutter- oder Vaterrolle ist auch ein Verlust der Bestätigung. Schnell bekommen Eltern das Gefühl nun nicht mehr gebraucht zu werden. Niemand schlingt mehr so euphorisch das Essen hinunter, keiner borgt sich das Auto aus, niemand bringt mehr seine Klamotten zum Flicken und Stopfen und niemand lädt Freunde ein, weil es bei den Eltern ja „so gemütlich ist“. Diese Umstellung kann in eine ganze Identitätskrise münden. Wer bin ich eigentlich ohne mein Kind? Was stelle ich jetzt mit dem restlichen Leben an? Liebe ich den Partner noch so sehr, dass es für die Partnerschaft reicht?

Hier können Beratungs- und Coaching-Experten helfen, die Paare dahingehend unterstützen, dass die Auszugskrise nicht auch noch zu einer Ehekrise wird. Denn wie bei der Geburt des Kindes steigt auch bei dessen Auszug laut Statistik die Scheidungsrate.

Zeichen setzen

Gab es da nicht diese eine Vase oder dieses hübsche Glastischchen, das seit Jahren des Wartens vielleicht wieder vom schützenden Keller den Weg in die Wohnung finden könnte? Kommen Kinder ins Haus, verändert das natürlich auch die Einrichtung. Spitze Ecken, zerbrechliche Dinge und teure Deko-Elemente wurden vielleicht vor Jahren der Sicherheit wegen aus dem Familiennest entfernt – jetzt hätten sie wieder eine Berechtigung Teil der Einrichtung zu werden.

Und was passiert eigentlich mit dem Kinderzimmer? An dieser Frage kann eine Partnerschaft leicht zerbrechen. Was für den einen die Chance auf ein lang ersehntes Arbeits- oder Musikzimmer ist, erweckt in dem anderen vielleicht die Befürchtung, man würde damit die Spuren des Kindes wegwischen. Jedes Paar geht mit der neuen Situation anders um. Man hat darin ja keine Erfahrung, auf die zurückgegriffen werden kann.

Da helfen vor allem offenes Reden und ehrliche Aussprache. Was dem einen eine willkommene Strategie zur Bewältigung des leeren Nests ist, geht dem anderen womöglich zu schnell. Was aber ungeachtet der Trauerphase jeden freuen dürfte: Die hauseigene Speisekarte muss jetzt nur noch zwei Gaumen genügen und bietet so doch deutlich mehr Freiheit und Vielfalt!

Neues wagen

Abnabeln ist nicht nur ein einseitiger Prozess. Auch als Eltern erwachsener Kinder sollte man versuchen, neue Sachen auszuprobieren, Hobbys zu finden und den Wohnraum umzugestalten. Für Mütter kann diese Phase auch den Neu- oder Wiedereinstieg in den Beruf bedeuten, aus dem man der Familie zuliebe vielleicht ausgestiegen war. Neben der beruflichen Weiterentwicklung bietet die Freizeit auch Raum für die Verwirklichung der eigenen Wünsche und Bedürfnisse. So stellen beispielsweise auch Sportverein, Theater, Stammtisch oder ein Haustier neue Möglichkeiten dar, die neu gewonnene Freizeit wieder mit Leben zu füllen.

Drei Dinge bleiben jedoch bei aller Umstellung wichtig: Die ausgezogenen Kinder sind immer noch die eigenen Kinder, das Leben ist noch lang genug, um neue Projekte anzugehen und man muss diese Zeit ja nicht allein durchstehen – Partner, Freunde und natürlich der erwachsene Nachwuchs sind für einen da.

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