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Depressiver Partner

Depressiver Partner – Ehe kaputt?

 
 

Manja Bochmann vom Results Institut interviewt Beziehungsexpertin und Mediatorin Sandra Neumayr zum Thema Depression in der Ehe und erhält einfühlsame Tipps und Verhaltensvorschläge - auch und gerade für den ebenfalls betroffenen Partner.

Frau Neumayr, Depression ist eine Krankheit und der Kranke wird behandelt. Aber was passiert mit dem gesunden Partner an seiner Seite?

Genau das ist eine der großen Aufgabe, derer ich mich als Beziehungsexpertin widme. Denn die Partner sind der Situation oft hilflos ausgeliefert. Sie merken, dass Ihr Partner bestimmte Pflichten nicht mehr übernehmen kann und müssen selbst einen Mehreinsatz leisten.  Andererseits scheint es, als würden Sie kaum Anerkennung für Ihre Hilfe vom Erkrankten bekommen. Viele gemeinsame Aktivitäten fallen weg und Ihnen fehlen Gemeinsamkeiten, die Sie bisher mit Ihrem Partner verbunden haben. Er zieht sich aus dem gemeinsamen Freundeskreis zurück und Sie möglicherweise mit ihm, sodass Sie sich immer mehr isoliert und einsam fühlen. Er liegt fast nur noch im Bett und Sie sind in der Rolle eines Rund-um-die-Uhr-Pflegers. Er deutet vielleicht sogar Selbstmordabsichten an  und Sie leben in ständiger Angst um ihn. Er ist gereizt und unnahbar und Sie fühlen sich abgelehnt. Ihr Einsatz für ihn wird anscheinend von ihm nicht gewürdigt. Er kann kaum Entscheidungen treffen und deshalb fühlen Sie sich mit der Verantwortung für die Familie allein gelassen. Ihr Partner klagt über körperliche Probleme, über Schlafstörungen oder Schmerzen, und Sie sind von seinen ständigen Wehleidsbekundungen überlastet. Ihr Partner hat Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, und Sie ärgern sich, wenn er Fehler macht. Sie sind aufgrund der ständigen Klagen Ihres Partners oft gereizt und fahren häufig aus der Haut. Hinterher machen Sie sich dann Schuldgefühle und verurteilen sich selbst dafür.

Was raten Sie einem Ehepartner eines Betroffenen? Soll er sich besser trennen, um nicht selbst depressiv zu werden?

Zunächst einmal nein. Denn, wie heißt es doch? „In guten, wie in schlechten Zeiten“. In der psychologischen Beratung für Partner und auch Angehörige depressiver Menschen werden Strategien erarbeitet, damit sich die depressive Stimmung Ihres Partners nicht stets auf die eigene Stimmung auswirkt. Sie lernen, die Krankheit zu verstehen und den Partner bei der Genesung zu unterstützen.

Aber was, wenn sich der depressive Partner trennen möchte?

Dann sollte man herausfinden, ob der Grund ist, dass er nicht zur Last fallen möchte, dem geliebten Menschen für dessen Glück nicht im Weg stehen will. Denn ein psychisch Kranker hat vielleicht Schwierigkeiten, zu erkennen, dass die Partnerschaft mit ihm das Glück für den anderen bedeutet.

Was ist das Besondere an Ihrer psychologischen Eheberatung?

Betroffene Ehepartner finden den Weg zu mir, weil sie von der ersten Minute an persönlich beraten werden. Viele schämen sich oder haben Angst vor dem Schritt, sich professionelle Hilfe zu suchen. Deshalb ist es oftmals einfacher, anonym und diskret Kontakt zu einer Einzelexpertin aufzunehmen. Es hat natürlich jeder auch die Möglichkeit, sich an Psychologen, Stationen im Krankenhaus oder beispielsweise Selbsthilfegruppen zu wenden. Nur ist das den Klienten, die den Weg zu mir finden, zu „offiziell“.

Wir klären Fragen wie z.B. was mache ich, wenn mein Kind, mein Partner, ein alter Mensch depressiv wird und wie schütze ich mich selbst davor, dass der Kranke meine Energie absaugt? Wie kann ich wirklich helfen, ohne mich selbst aufzugeben? Wie gehe ich mit den Fragen der Kinder um? Was erzähle ich meinem Umfeld?

Was sollten die gesunden Partner tun?

Für sich sorgen, Emotionslosigkeit nicht auf sich beziehen, denn der depressive Partner  kann gerade nicht anders. Entwickeln Sie bitte keine Selbstzweifel: Das Verhalten des Partners ist keine Ablehnung sondern krankheitsbedingt! Wichtig ist auch, dass Sie sich eigene Bedürfnisse auch mal befriedigen. Es tut gut, gibt neue Energie, shoppen zu gehen, mit Freunden oder Kollegen nach der Arbeit  im  Biergarten den Tag ausklingen zu lassen. Machen Sie sich keine Vorwürfe,  wenn der Partner keine Kraft hat, mit dabei sein zu können.

Muss man sich vor Freunden und Bekannten schämen, wenn der Partner depressiv ist?

Nein, Depression ist eine Krankheit wie jede andere auch. Ein Magengeschwür oder z.B. Nasenpolypen nebst Nebenhöhlenvereiterung zu haben ist ja gesellschaftlich auch ok, obwohl das noch dazu unästhetisch klingt.

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