Familie und Kinder

Hotel Mama: Wann Kinder gehen müssen

Mitte 40. Alleinstehend. Arbeitslos. Und noch immer kocht Mama das Essen für ihren Sprössling. Diese Schreckensbilder haben manche Eltern vor Augen, wenn ihr Sohn oder ihre Tochter Jahre nach ihrer Volljährigkeit keine Vorbereitungen für einen Auszug treffen will. Bei so manchem jungen Erwachsenen sorgen Freiheitsdrang, Familiengründung oder Karrierechancen oft ganz von selbst dafür, dass das heimische Nest verlassen wird. Andere bleiben aber aus den verschiedensten Gründen bei ihren Eltern. Und die sind daran nicht immer ganz unschuldig. Doch wann sollte der Nachwuchs das Haus verlassen? Und wie sorgt man dafür, ohne das Verhältnis zueinander zu vergiften?

Wer jenseits der 18 noch im heimischen Elternhaus lebt, befindet sich in guter Gesellschaft. Denn laut einer Publikation des Statistischen Bundesamtes („Frauen und Männer in verschiedenen Lebensphasen“) wohnten im Jahr 2008 56% der jungen Erwachsenen zwischen 18 und 26 Jahren bei ihren Eltern. Vor allem Männer (63%) bezogen in diesem Altern noch Quartier im „Hotel Mama“ während es nur 47% der Frauen noch zu Hause hielt.

Warum Kinder nicht ausziehen

Die Gründe für das Verbleiben in der vertrauten Umgebung sind vielfältig. Doch im Wesentlichen kann man zwischen legitimen und weniger legitimen Gründen unterscheiden, auch wenn die Grenzen da natürlich fließend sind. Wer wegen seines Studiums und seiner Ausbildung finanziell eher dürftig ausgestattet ist und sich deswegen keine Wohnung leisten kann, der steht nicht gleich in dem Verdacht, es sich ausschließlich bei Mama und Papa bequem zu machen. Manchmal lässt auch eine passende Wohnung länger auf sich warten oder eine überraschende Kündigung zwingt den Sprössling wieder ins Elternhaus. Auch eine Trennung oder Scheidung vom Partner kann gerade junge Menschen wieder zu den Eltern treiben. Dort haben sie dann eine vorübergehende Bleibe und ein wenig Unterstützung.

Manchmal sind solch gute Gründe aber auch nicht vorhanden oder werden nur vorgeschoben, um weiter die Bequemlichkeit des Elternhauses genießen zu können. Denn nicht nur Geld, sondern auch Arbeit und Zeit lassen sich sparen, wenn Mama die Hausarbeit macht und das Essen auf den Tisch bringt. Eltern können dabei häufig nicht aus ihrer Haut und leisten dieser Form von Bequemlichkeit durch ständiges Bemuttern Vorschub. Warum also ausziehen? Vor allem wenn das Verhältnis zu den Eltern gut und noch ein Mindestmaß an Rücksicht auf die Privatsphäre des Kindes vorhanden ist, wird dafür selten ein Grund gesehen. Neben schlichter Faulheit kann manchmal auch eine ernste und ausgewachsene Angst vor der Welt und dem selbstständigen Leben dahinterstecken.

Wie man es dennoch erreicht

Wie immer ist Vorsorge die beste Methode. Wer sein Kind schon frühzeitig auf einen späteren Auszug vorbereitet, vermeidet einen Schock, wenn er ungebremst von „Bemutterung“ auf „Rauswurf“ umstellt. Wenn – nach dem Gefühl der Eltern – der Zeitpunkt für einen Auszug des Kindes gekommen ist, sollte man ihm wegen des Grundes für seine „Nesthockerei“ auf dem Zahn fühlen und ihm klar machen, wann und unter welchen Bedingungen es ausziehen sollte. Doch auch wenn ein kleiner Schubs in die Freiheit manchmal unvermeidlich ist, sollte man keinen zu großen Druck aufbauen und die Finger von verbalen Drohkulissen lassen.

Umgekehrt sollte auf reine Andeutungen und Sticheleien verzichtet werden. Die werden nämlich entweder ignoriert oder sie sorgen schnell für böses Blut und einen tiefen Riss in der Eltern-Kind-Beziehung. Eine offene und erwachsene Aussprache ist hier die bessere Methode. Mitunter kann das Kind aber auch psychologische Unterstützung brauchen, wenn die Loslösung aus lauter Angst vor der weiten Welt nicht gelingen will.

Neue Freiheit für die Eltern

Viele Eltern haben – bei aller Sehnsucht nach Ruhe – Angst ihre Kinder einfach zu verstoßen. Grund ist unter anderem das „Empty-Nest-Syndrom“. Die Angst vor der Leere danach. Aber die Loslösung von den Kindern ist ohnehin unvermeidlich und lässt sich bestenfalls aufschieben, wobei sie mit zunehmender Dauer des Zusammenlebens auch immer schwerer wird. Und eine Loslösung ist nicht nur schmerzhaft, sondern bringt beiden Seiten auch Vorteile. Die Kinder genießen neue Freiheit und Privatsphäre. Sie werden von Ihren Eltern nicht mehr wie ein Kind behandelt und ernten Respekt für ihre Selbstständigkeit. Die Eltern profitieren von einem entspannteren Verhältnis zu ihrem Kind, das nicht mehr von Alltagskonflikten belastet wird.

Vor allem haben sie aber endlich die Chance ihrem Leben als Individuum und Paar wieder mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Sie sind nicht mehr in erster Linie Mutter und Vater und haben endlich wieder mehr ungestörte Zeit miteinander und für Dinge, die sie vor lauter Erziehungsarbeit völlig vernachlässigt hatten. Eine Ehe kann davon im Grunde nur profitieren. Und trotzdem ist das Kind nicht aus der Welt. Auch nach dem Auszug bleiben Töchter, Töchter und Söhne, Söhne. Nur eben Selbstständige.

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